Zwei Sprachen im Unterricht: Fremdsprache besser, Fachwissen unverändert – belegt an 36.905 Schülern (2026)

„Wenn ich mein Fach auf Englisch unterrichte, leidet dann das Fachwissen?“ Diese Sorge hält viele Lehrkräfte vom zweisprachigen Unterricht ab. Die bisher größte Auswertung dazu — eine Meta-Analyse von Kaiypova et al. (2025) mit 36.905 Schüler:innen — gibt eine klare Antwort: Der Fachinhalt bleibt gleich gut, die Fremdsprache wird sogar deutlich besser. Ein Ertrag, kein Verzicht.

Fachleute nennen diesen Ansatz CLIL (Content and Language Integrated Learning): Ein Sachfach – Geschichte, Biologie, Wirtschaft – wird ganz oder teilweise in einer Fremdsprache unterrichtet. Über alle ausgewerteten Studien hinweg war beim Fachwissen im Schnitt kein statistischer Unterschied zu Vergleichsklassen im muttersprachlichen Unterricht messbar – bei gleichzeitig deutlich stärkerem Fremdsprachenzuwachs.

Die Ursprünge der Studie und die verwendeten Daten

Die Meta-Analyse stammt von Kaiypova, Lee, Lo & Lee und wurde 2025 in der Fachzeitschrift System veröffentlicht. Das Forschungsteam ist an der University of Hong Kong (Faculty of Education) und der Chung-Ang University in Seoul angesiedelt. Ausgewertet wurden internationale Studien mit insgesamt 36.905 Schüler:innen der Sekundarstufe — nicht Einzelfälle, sondern die zusammengefasste Evidenz vieler Untersuchungen.

Der Unterricht eines Sachfachs in einer zweiten Sprache wird in Westeuropa seit Jahrzehnten erprobt — zunächst vor allem in Finnland (wo der Begriff CLIL 1994 geprägt wurde), in Spanien und in Italien, wo CLIL im letzten Jahr der Oberstufe sogar verpflichtend ist. Inzwischen wird die Methode auch in den DACH-Ländern zunehmend gefördert. Für viele Lehrkräfte bedeutet das, sich völlig neuen Situationen zu stellen: Fachwissen und Fremdsprache gleichzeitig zu vermitteln, ohne dass eines von beiden zu kurz kommt.

CLIL im deutschsprachigen Raum

Im DACH-Bereich trifft das ebenfalls zu – nur unter unterschiedlichen Namen. In Deutschland heißt es meist „bilingualer Sachfachunterricht“, in der Schweiz spricht man von „immersivem“ Unterricht und in Österreich ist der offizielle, im Lehrplan verankerte Begriff „Englisch als Arbeitssprache“ (EAA) (allgemeiner: Fremdsprache als Arbeitssprache). Gemeint ist überall dasselbe: Ein Sachfach wird ganz oder in Teilen in der Fremdsprache unterrichtet.


Was die Evidenz konkret zeigt

Untersucht wurde Verglichen mit Ergebnis Datenbasis & Quelle
Fremdsprache, kurzfristig Schüler:innen im normalen Fremdsprachenunterricht(ohne Sachfach in der Zielsprache) Deutlich stärkerer Zuwachs: d = 0,73 (95%-KI 0,61–0,86) 44 Stichproben, N = 7.434 · Lee et al. 2023, SSLLT
Fremdsprache, langfristig wie oben Sehr starker Zuwachs: d = 1,01 (95%-KI 0,88–1,15) wie oben · Lee et al. 2023
Fachinhalt Schüler:innen, die dasselbe Fach in der Muttersprache lernen Kein messbarer Unterschied: d = 0,09 (nicht signifikant) 36.905 Sek.-Schüler:innen · Kaiypova et al. 2025, System
Vorbehalt Studien, die Vorunterschiede der Gruppen kontrollierten, zeigten kleinere Effekte – ein Teil des Vorsprungs kann Auswahl-Effekt sein Moderatoranalysen · beide Studien
 
Zur Einordnung der Effektstärke: In der Bildungsforschung gilt d = 0,40 als bedeutsame Wirkung — der Sprach-Effekt von 0,73 bis 1,01 liegt also weit darüber. Der Doppel-Ertrag ist damit belegbar: kein Verlust beim Fachwissen, dafür ein klarer Gewinn bei der Sprache. Ehrlich bleiben muss man beim Vorbehalt: Die Autor:innen selbst warnen, dass ältere Studien den CLIL-Vorteil teils überschätzt haben, weil sie Vorunterschiede zwischen den Gruppen (etwa motiviertere Familien in CLIL-Zweigen) nicht kontrolliert haben. „Kein Nachteil beim Fach, klarer Sprachgewinn“ ist die belastbare Aussage — nicht „in allem automatisch besser“.
 

Vergleich und Kritik

Die Methode ruft auch Kritiker auf den Plan. Während die Mehrdimensionalität des Unterrichts mit Fremdsprache unbestritten ist, fallen einige Vorteile des klassischen Fremdsprachenunterrichts weg: Korrektheit und systematisches Sprachenlernen werden zugunsten von Verständigung und Zweckorientierung teilweise hintangestellt. Das parallele Erarbeiten von Inhalt und Form ist eine Herausforderung, die CLIL-Lehrkräfte annehmen müssen — ein Mehraufwand, der nicht von der Hand zu weisen ist.Umso wichtiger sind sorgfältig angepasste Unterlagen. Interessen und Bedürfnisse von Klassen sind unterschiedlich. Der Aufwand: Gutes CLIL-Material heißt oft, denselben Inhalt zweisprachig aufzubereiten, Fachbegriffe in beiden Sprachen bereitzustellen und Aufgaben sprachlich zu stützen. Doppelte Arbeit für die Unterrichtenden — und genau der Grund, warum CLIL im Alltag oft an der Vorbereitungszeit scheitert, nicht am guten Willen.Zudem gilt der zentrale Vorbehalt aus der Forschung: Die Meta-Analyse von Kaiypova et al. (2025) mit 36.905 Schüler:innen fand für das Fachlernen einen Effekt von rund 0,09 — statistisch nicht von null unterscheidbar. CLIL-Schüler:innen lernen den Fachinhalt im Schnitt also genauso gut wie im muttersprachlichen Unterricht, weder besser noch schlechter. Einzelne Studien wiesen jedoch bei leistungsschwächeren Schüler:innen sehr wohl Nachteile nach, wenn die Fremdsprache zu einer zusätzlichen Hürde wurde, die im rein muttersprachlichen Unterricht nicht besteht.

Die Konsequenz: Struktur guten CLIL-Unterrichts

Die praktische Konsequenz lautet: CLIL wirkt am besten mit gutem Scaffolding — sprachlichen Hilfen (Wortreihen, zweisprachige Begriffslisten, nach Niveaus differenzierte Aufgaben), die verhindern, dass die Sprache den Inhalt verdeckt. Ohne diese Stütze verschenkt CLIL sein Potenzial.

Ein bewährtes Ordnungsraster dafür sind die „4 Cs“ (nach Do Coyle) — die vier Bausteine, die guten CLIL-Unterricht ausmachen:

Baustein Bedeutung im CLIL-Unterricht
Content (Inhalt) Der Fachinhalt bleibt das primäre Lernziel — nicht die Sprache.
Communication(Kommunikation) Sprache wird zum Werkzeug: genutzt und angewendet, nicht isoliert gepaukt.
Cognition (Kognition) Aufgaben fordern echtes Denken — von einfachen (LOTS) bis anspruchsvollen (HOTS) Denkleistungen.
Culture (Kultur) Die Zielsprache öffnet eine interkulturelle Perspektive auf den Inhalt.

Begriffe kurz erklärt

CLIL — Content and Language Integrated Learning: Sachfach wird (teilweise) in einer Fremdsprache unterrichtet.
EMI— English as a Medium of Instruction: Unterrichtsform, bei der die Zielsprache durchgehend Englisch ist.
EAA — „Englisch als Arbeitssprache“: der in Österreich amtliche Begriff für CLIL.
Zielsprache — die Fremdsprache, in der der Fachinhalt vermittelt wird (im DACH-Raum meist Englisch).
Scaffolding — sprachliche „Gerüste“ (Wortgeländer, zweisprachige Begriffslisten, gestufte Aufgaben), die das Verstehen stützen.
Differenzierung — Aufgaben in mehreren Niveaus, damit stärkere und schwächere Lernende jeweils passend gefordert werden.
LOTS / HOTS — Lower / Higher Order Thinking Skills: einfache Denkleistungen (erinnern, verstehen) vs. anspruchsvolle (analysieren, bewerten, erschaffen).
Die 4 Cs — Content, Communication, Cognition, Culture: die vier Bausteine guten CLIL-Unterrichts (nach Coyle).
Bilingualer Unterricht — der ältere, im DACH-Raum verbreitete Begriff für CLIL. Effektstärke (d) — Maß für die Wirkung; ab d = 0,40 gilt ein Effekt in der Bildungsforschung als bedeutsam.

FAQ

Was bedeutet CLIL? Content and Language Integrated Learning — ein Sachfach wird (teilweise) in einer Fremdsprache unterrichtet, sodass Inhalt und Sprache gleichzeitig gelernt werden.

Ist CLIL dasselbe wie bilingualer Unterricht? Weitgehend ja. „Bilingualer Unterricht“ ist der ältere, im DACH-Raum verbreitete Begriff; CLIL ist der international etablierte Fachterminus mit stärkerem Fokus auf die didaktische Integration beider Ziele.

Bringt CLIL nachweislich etwas? Für die Sprachentwicklung ja, mit starken Effekten (Meta-Analyse Lee et al. 2023: d = 0,73 kurzfristig, d = 1,01 langfristig). Beim Fachinhalt zeigt die größte Auswertung 2025 keinen Nachteil — gutes sprachliches Scaffolding ist dabei entscheidend.

Leidet das Fachwissen, wenn auf einer Fremdsprache unterrichtet wird? Im Durchschnitt nicht: Die größte Auswertung 2025 (36.905 Schüler:innen) findet keinen messbaren Fachwissens-Nachteil gegenüber muttersprachlichem Unterricht. Bei leistungsschwächeren Lernenden kann es jedoch Nachteile geben — deshalb: Fachbegriffe zweisprachig anbieten und Aufgaben stufen.

Für welche Schulstufen eignet sich CLIL? Grundsätzlich für alle, Verwendung in berufsbildenden Schulen. Die meisten belastbaren Studien stammen aus der Sekundarstufe.

 
 

Quellen:

    •  Goris, Denessen & Verhoeven (2019): Effects of CLIL in Europe — A systematic review of longitudinal experimental studies: SAGE Journals
    • Kaiypova, Lee, Lo & Lee (2025): Effects of CLIL on secondary-level students‘ content learning — A meta-analysis(36.905 Schüler:innen; Fachlern-Effekt 0,09, statistisch nicht signifikant = kein Nachteil): System 129, 103580
    • Lee, Lee & Lo (2023): Effects of EMI-CLIL on secondary-level students‘ English learning — A multilevel meta-analysis (44 Stichproben, N = 7.434; Sprach-Effekt gegenüber regulärem Fremdsprachenunterricht d = 0,73 kurzfristig, d = 1,01 langfristig): Studies in Second Language Learning and Teaching 13(2)
    • Forschungsgruppe University of Hong Kong (Faculty of Education)

Unlock 4 more downloads and 30 free minutes

Keep using Paulina for free and get extra content for your own lessons.

Welcome Email