Wer kann sich nicht an diesen einen Zeitzeugen, diese eine Produktionsstätte oder das Theaterstück erinnern, das einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat? Sei es das Lied, das man beim Laufen auf einem Berg mit Klassenkollegen geschmettert hat, oder die Gemeinschaft, die an einem regnerischen Tag durch einen Ort stapfte, an dem zwanzig Jahre später das Klassentreffen stattfindet.
Eins haben alle diese Orte und Erlebnisse gemeinsam. Sie wurden im Rahmen der Schule besucht und kombinierten zumindest eine Entfernung vom Sitzplatz in der Klasse. Sie waren zudem etwas Besonderes, weil es kein herkömmlicher Unterricht war. Und sie blieben irgendwie mehr im Gedächtnis als andere, viel häufigere Erlebnisse des Unterrichts. Nur: Woran liegt das? Ist wirklich der einzige Grund, dass Ausflüge halt „lustiger“ sind oder „endlich das wahre Leben zeigen“. Übrigens dies ein Spruch, den wohl kein langjährig tätiger und engagierter Lehrer mehr hören kann.
2025 erbrachte eine Meta-Meta-Analyse in der Deutschen Zeitschrift für Sportmedizin für Bewegung und Gedächtnisleistung genau zu diesem Thema Erstaunliches. Die Effektgröße einer pädagogischen Intervention in Kombination mit Bewegung – z. B. im Rahmen einer Bergtour – erbrachte 0,85 Werteinheiten anstatt der herkömmlichen 0,4. Bedeutet: Mit Bewegung und frischer Luft gekoppelt sind Eindrücke besser verarbeitbar.
Die Studie hat Hunderte Einzelstudien zusammengefasst und kommt zu einem eindeutigen Befund: Körperliche Aktivität verbessert Gedächtnis, Aufmerksamkeit und exekutive Funktionen signifikant – bei Kindern und Jugendlichen stärker als bei jeder anderen Altersgruppe.
Der Mechanismus dahinter ist neurobiologisch gut belegt: Lerninhalte, die gleichzeitig motorisch und kognitiv verarbeitet werden, werden doppelt codiert. Sie lassen sich schneller und sicherer aus dem Langzeitspeicher abrufen. Was Kinder mit dem Körper erleben, bleibt anders haften als was sie auf einem Arbeitsblatt lesen.
Die Bundeszentrale für politische Bildung formuliert es so: Bewegung hilft nicht nur beim Abbauen von Anspannung – sie verändert strukturell, wie Informationen gespeichert werden.
Eine Klassenfahrt mit klarem Fachbezug ist keine Unterbrechung des Lernens. Sie ist, wenn man die Forschung ernst nimmt, eine der lernwirksamsten Unterrichtsformen überhaupt.
Wenn Schüler:innen im Archäologiemuseum Bozen Ötzi aus nächster Nähe sehen, im Deutschen Museum ein U-Boot anfassen oder am Müggelsee Ökosysteme live beobachten – dann passiert gleichzeitig: Bewegung, emotionale Aktivierung, sozialer Austausch, Fachinhalt. Das ist neurobiologisch ein anderes Lernen als im Klassenzimmer.
Die Voraussetzung ist allerdings: Die Fahrt braucht Struktur. Aufgaben vor Ort. Einen Reflexionsbogen danach. Einen klaren Lehrplanbezug. Ohne das bleibt es ein schöner Tag – mit dem wird er zum Unterricht.
Quellen: Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, Meta-Meta-Analyse zur körperlichen Aktivität und Kognition, August 2025. Bundeszentrale für politische Bildung, „Wie Bewegung die Entwicklung, das Lernen und die Bildung von Kindern beeinflusst“, 2024. Forsa-Umfrage Deutsche Telekom Stiftung, März 2026.
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